Eine Reise in die deutsche Vergangenheit Ein Gespräch über Sehnsucht, Ruinenromantik und den Umgang mit Geschichte
Interview: Christina Tillmann, Der Tagesspiegel
Herr Koppelkamm, Sie haben sich gleich nach der Wende aufgemacht in
das Gebiet der ehemaligen DDR. Was haben Sie gesucht?
Das Motiv war zunächst reine Neugier. Ich bin schon früher von West-Berlin aus häufig in die DDR gefahren, kannte Ostdeutschland ein bisschen, aber es gab noch
viele blinde Flecken auf meiner Karte und Namen, die nur Mythen waren. Als die
Mauer gefallen war, bin ich losgefahren, nach Dresden, Leipzig, Görlitz, Zittau und Chemnitz, immer mit der Großbildkamera im Kofferraum.
Wann haben Sie entschieden, welche Motive Sie aufnehmen wollen?
Es war eine sehr subjektive Auswahl. Ich habe Situationen fotografiert, die mich
fasziniert haben. Ich wollte keineswegs den Baubestand der DDR flächendeckend dokumentieren. Ich habe mich auch weniger für herausragende Baudenkmäler interessiert, sondern mehr für das Alltägliche. Ob da nun gerade ein Auto stand oder ein Mensch ins Bild lief, war mir
ziemlich einerlei. Natürlich gab es auch persönliche Motive: Ich bin von der Ausbildung her Grafikdesigner, und man sieht
viele Häuser, an denen noch die historischen Beschriftungen zu erkennen sind.
Sie sind in Saarbrücken aufgewachsen, haben in Kassel studiert und in West-Berlin gelebt. Wie war Ihr Blick auf die DDR?
Ich habe viele westdeutsche Städte kennen gelernt, wo es zwar noch historische Reste gab, man aber in der
Wiederaufbauzeit der Bundesrepublik sehr viel zerstört hat. Die Sehnsucht nach Vergangenheit erfüllte sich für viele Westdeutsche erst, wenn sie nach Italien fuhren. Als ich in eine Stadt
wie Görlitz kam, hat mich das umgehauen. So etwas hatte ich bislang in Deutschland
nicht gesehen, eine Stadt, die zwar in schlechtem Zustand war, aber komplett
den zweiten Weltkrieg überlebt hatte.
Das Gefühl einer Zeitreise hat viele Westdeutsche beschlichen, als sie das erste Mal
durch Ostdeutschland fuhren. Gab es dabei auch schon das Bewusstsein:
Das hält nicht mehr lange?
In der Fotografiegeschichte ist der Antrieb oft, dass etwas vom Verschwinden
bedroht ist. Als ich meine ersten Reisen unternahm, war mir klar, das wird hier
nicht mehr lange so aussehen. Während ich mit der Kamera durch die Lande gefahren bin, saßen abends im Hotel neben mir westdeutsche Goldsucher, die nur an Geschäfte dachten.
Wenn man die Fotos sieht, die Sie im Abstand von zehn Jahren gemacht haben,
stellt sich die Frage nach der Wertung. Sehen Sie das, was in den letzten
Jahren passiert ist, als Rettung oder als Zerstörung?
Mein Fazit ist eher ambivalent. Mein Buch soll keinesfalls ein Dokument der »blühenden Landschaften« sein. Als ich 2002 ein zweites Mal losgefahren bin, war ich ziemlich
schockiert. In vielen Fällen war die Geschichte einfach getilgt. Natürlich gibt es gelungene Beispiele wie in Görlitz. Aber das Fingerspitzengefühl, das man in Italien antrifft, wo Häuser restauriert werden, und man sieht es ihnen hinterher gar nicht an, das
kriegen wir nicht hin. Das Zeughaus in Zittau zum Beispiel wurde durch die
Restaurierung ruiniert.
Wie stehen Sie zu Rekonstruktionen? Sie zeigen auch Gebäude, die rekonstruiert wurden. In Berlin ist gerade die Architekten-Entscheidung
zum Wiederaufbau des Schlosses gefallen.
Ich bin da nicht dogmatisch. Im Fall des Berliner Schlosses lässt mich aber das Projekt kalt. Es ist eben nicht das Alte, sondern ein
1:1-Modell des Schlosses, und ich sehe darin keinen Gewinn für die Stadt. Man hätte sich den Mut der Franzosen gewünscht, als sie in den Siebzigerjahren das Centre Pompidou gebaut haben. Damit
haben sie ein Zeichen gesetzt: ein Meilenstein für die Architektur wie für die Institution Museum. So etwas wird das Berliner Schloss nicht sein.
Hatten Sie immer vor, noch einmal zurückzukommen, um den Wandel zu dokumentieren?
Am liebsten hätte ich die Fotos gleich publiziert. Aber damals hat das niemanden interessiert,
weil man nicht zeigen wollte, in was für einem schlechten Zustand die Städte waren. 2002 bin ich wieder losgefahren, und habe präzise vom gleichen Standort fotografiert – ursprünglich war das nicht geplant. Die Fotos von 1990 sind reine Nostalgie, das
Heute-Foto allein ist in der Regel trivial, erst durch die Gegenüberstellung bekommt das Buch seine Spannung.
Damals war die DDR wahrscheinlich in all ihrer »Ruinenromantik« ein fremdes Land. Heute kommen uns die Städte viel normaler vor.
Das stimmt, aber damit ist viel von der Faszination verschwunden. Bei der ersten
Reise war es wie eine Reise in die deutsche Vergangenheit. Ich hatte das Gefühl: So wie das, was ich hier sehe, hat auch die Stadt, in der ich aufgewachsen
bin, früher ausgesehen. Als ich das 1990 erste Mal nach Görlitz kam, war die Stadt menschenleer, es war gespenstisch, wie in den Dreißigerjahren, ich dachte die ganze Zeit, jetzt marschieren gleich Nazis um die
Ecke.
Das Thema Exotismus hat Sie schon früher in den Arbeiten über Palmenhäuser oder orientalisierende Bauten beschäftigt. Haben Sie die Exotik im eigenen Land entdeckt?
Es ist ein Sehnsuchtsthema, das aus meiner Beschäftigung mit den Landschaftsgärten kommt. Auch bei den Architekten, die Gewächshäuser angelegt haben, gab es die starke Sehnsucht nach dem Paradies. Diese
Sehnsucht kann sich genauso auf fremde Länder wie auf vergangene Zeiten richten, das sind Grundmotive in der
Gartengeschichte: chinesische Teehäuser oder gotische Ruinen.
Die Moderne in der DDR, also Städtebau, Plattenbau, Verkehr, hat Sie nie interessiert?
Mein Interesse bezog sich auf Historisches – ich wollte sehen, wie es in Deutschland einmal ausgesehen haben musste.
Dann ist das von Hans Scharoun entworfene Haus in Löbau eine Ausnahme in Ihrem Buch?
Ja, aber die beiden Fotos zeigen sehr schön, dass die Architektur der Moderne neu aussehen muss. Wenn man zu viele Spuren
sieht, wirkt so ein Haus schäbig. Bei historischen Bauten ist das umgekehrt: Je mehr Spuren die Zeit und die
Bewohner hinterlassen haben, desto mehr können wir an ihnen ablesen.
Sind Sie weiterhin von historischen Themen fasziniert?
Nein, nicht mehr so sehr. Das West-Berlin der 80er Jahre lud irgendwie dazu ein,
sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Es war das, was auch Uwe Tellkamp in seinem Roman »Der Turm« beschreibt: die »süße Krankheit Gestern«. Dieses Erlebnis hat sich nach der Wende wiederholt. Es war aber auch der
Abschluss meiner Beschäftigung mit historischen Themen: Meine neuen Arbeiten befassen sich mit der
Gegenwart und der Stadt, in der wir heute leben.